Schwarzbuch Ghostwriting

Ghostwriting

Inhalt
I. Problemfeld des akademischen Ghostwritings
II. Verbreitung akademischen Ghostwritings
III. Werbebotschaften der Ghostwriting-Agenturen
IV. Leistungs- und Kostenspektrum der Dienstleister
V. Zustandekommen eines Ghostwriting-Auftrages
VI. Ghost-Autoren als unsichtbare Basis des Geschäfts
VII. Selbstständigkeit der akademischen Qualifikation
VIII. Taschenspielertricks der Ghostwriting-Anbieter
IX. Opportunismus und Naivität der Dienstleister


I. Problemfeld des akademischen Ghostwritings

Bei einem Ghostwriter handelt es sich um einen Autor, der sowohl im Auftrag als auch im Namen einer anderen Person schreibt. Eine häufige Verbreitung findet das Ghostwriting bei Buch- und Literaturverlagen. Oftmals werden von den Verlagen Ghostwriter verpflichtet, um im Namen einer bestimmten prominenten Person, eine biographische Arbeit über ebendiese Person zu verfassen. In diesem Kontext wird der Ghostwriter oftmals auf dem Buchumschlag oder im Buch selbst benannt. Beim akademischen Ghostwriting lassen sich Studierende, meist vermittelt durch eine Ghostwriting-Agentur, universitäre Leistungs- und Qualifikationsarbeiten wie Seminar- und Hausarbeiten, aber auch Bachelor- und Masterabschlussarbeiten von einem verpflichteten Dritten, dem Ghostwriter, verfassen. Die Praxis des akademischen Ghostwritings stößt in weiten Teilen des Wissenschaftsbetriebs auf breite Ablehnung und widerspricht nicht nur den Prüfungsordnungen der Hochschulen, sondern auch der Eidesstattlichen Erklärung, welche den Qualifikationsarbeiten handschriftlich unterzeichnet beizufügen ist. Das akademische Ghostwriting ist dabei vom Plagiat zu unterscheiden. Während sich das akademische Ghostwriting der notwendigen Bedingung der eigenständigen Erarbeitung einer wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit verwahrt, bezeichnet ein Plagiat die Nutzung eines von einem anderen Verfasser anderswo veröffentlichten Textes, in seiner Gesamtheit oder seiner Teile, ohne diesen bestimmten Text dabei, durch entsprechende Quellen- und Zitationsverweise, als Leistung des anderen Autors kenntlich zu machen. Wissenschaftliche Plagiate sind in den vergangenen Jahren gleich mehrfach, vor allem aufgrund ihrer nicht selten prominenten Verursacher, an die Öffentlichkeit geraten. Demgegenüber steht eine, wahrscheinlich nicht minderkleine Anzahl an Trägern akademischer Grade und Titel, deren Qualifikationsarbeiten aus der Feder eines Ghostwriters stammen. Für Probleme bei der Ahndung dieser wissenschaftlichen Täuschung sorgt die schwierige Verfolgbarkeit dieses Vergehens, aber auch die, in diesem Zusammenhang, recht uneinheitliche Rechtsprechung.

II. Verbreitung akademischen Ghostwritings
Die Praxis des akademischen Ghostwritings ist schwer nachzuverfolgen, wodurch sich vor allem die rechtliche Ahnung der – meist unter dem Deckmantel einer risikolosen Dienstleistung getarnten Art des "Wissenschaftsbetrugs" – als außerordentlich schwierig erweist. Darüber hinaus fehlen belastbare Untersuchungen, über die tatsächliche Verbreitung des akademischen Ghostwritings unter Studierenden und anderen Hochschulangehörigen. Obwohl sich Ghostwriting-Agenturen im Internet recht selbstbewusst präsentieren und man so zumindest ihre Anzahl relativ gut erwägen kann, bleibt die Zahl jener, die sich einen Auftragsschreiber verpflichten, im Nebulösen. Es gibt Schätzungen, von mit diesem Sujet betrauten Wissenschaftlern, die davon ausgehen, dass an deutschen Hochschulen jährlich zwischen 5.000 und 10.000 durch Ghostwriting entstandene Seminar- und Qualifikationsarbeiten eingereicht werden.
 
III. Werbebotschaften der Ghostwriting-Agenturen
Ghostwriting-Agenturen verstehen sich in ihrem Angebot immer als die Freunde und Partner der Studierenden. Sie sehen sich selbst als jene Akteure, auf die sich die angehenden Absolventen verlassen können, wenn ihnen der universitäre Alltag über den Kopf hinaus wächst.
Darin besteht dann auch die Werbebotschaft dieser Dienstleister. Sie werben um Studierende, die nicht genau wissen, was sie für eine Seminar- oder Abschlussarbeit leisten müssen, um solche, denen das Abfassen wissenschaftlicher Texte nicht besonders liegt und auch um jene, denen dieser Teil der akademischen Qualifikation schlichtweg zu anstrengend ist. Dass man so Studierende ohne große finanzielle Not, dafür aber mit wenig wissenschaftlichem Elan anlockt, wird von den Anbietern billigend in Kauf genommen.
 
IV. Leistungs- und Kostenspektrum der Dienstleister
Im Angebot haben die Ghostwriting-Agenturen meist sämtliche Formen der schriftlichen Leistungs- beziehungsweise Qualifikationsnachweise, für einen breiten Querschnitt an akademischen Disziplinen: Seminar- und Hausarbeiten, Essays, Präsentationen, Exposés, juristische Gutachten, aber auch Bachelor- sowie Masterabschlussarbeiten und sogar ganze Dissertationen. Die Preise für diese Dienstleistung variieren zwischen den verschiedenen Anbietern nur geringfügig. – Eine Bachelorarbeit für 3.000 Euro, eine Masterarbeit für 7.000 Euro oder eine Dissertation für 30.000 Euro.
Bei einem großen Teil dieser Agenturen ist ein Abschlusslektorat sowie eine Plagiatsprüfung des durch den Ghostwriter verfassten Textes im Angebot enthalten.
 
V. Zustandekommen eines Ghostwriting-Auftrages
Die meisten Ghostwriting-Anbieter kontaktiert man bequem über ein Anfrageformular auf der Internetseite des Unternehmens. Viele Angaben sind dafür nicht notwendig. Meist reichen der Name und die E-Mail-Adresse sowie einige Informationen – Thema, Art und Umfang der Arbeit sowie Bearbeitungszeit – über das Projekt aus, welches man an den Dienstleister geben möchte. Das Versprechen der Agenturen besteht dann darin, dass sie für jeden potenziellen Auftraggeber ein auf ihn abgestimmtes und passendes Angebotspaket schnüren. Akzeptiert der Auftraggeber das Angebot, wird er mit einem für die Agentur tätigen Ghostwriter zusammengebracht. Absolute Anonymität und Diskretion stehen dabei an erster Stelle. Für den Austausch zwischen Auftraggeber und Ghostwriter stellen die Anbieter oftmals ein virtuelles Arbeitszimmer zur Verfügung. Solche Plattformen sind nicht selten die einzige Schnittstelle zwischen den Vertragspartnern und sollen die Anonymität der Beteiligten gewährleisten. Nach Abschluss des Auftrages, so versprechen es die Anbieter, werden alle Informationen über den Auftraggeber unwiederbringlich gelöscht.  Die Agenturen sichern ihren Auftraggebern vertraglich zu, dass die Urheber- und Nutzungsrechte an der entstandenen Arbeit vom Ghost-Autor an den Dienstleister und von diesem an den Auftraggeber abgetreten werden. 

VI. Ghost-Autoren als unsichtbare Basis des Geschäfts
Für die Agenturen arbeiten meist freiberufliche Ghostwriter, Autoren, die sich selbst durch einen hochwertigen akademischen Abschluss qualifiziert haben. An dieser Tätigkeit Interessierte finden über die Internetseiten der Anbieter meist einen kurzen Weg zu den Agenturen. – Oftmals genügt das Hochladen des universitären Abschlusszeugnisses und eines Lebenslaufes. Wohl ein Drittel des Preises für die beauftrage Dienstleistung geht im Durchschnitt als Honorar an die Autoren; für eine Masterabschlussarbeit beläuft sich die Vergütung für den Ghostwriter dem folgend auf etwa 2.000 bis 2.500 Euro. Auch für die Autoren garantieren die Anbieter absolute Anonymität. Zwar werben die meisten Dienstleister auf ihren Websites mit einem großen und hochqualifizierten Pool an Fachautoren, doch keiner von ihnen wird beispielsweise zur Unterstreichung der Agenturreputation benannt oder in irgendeiner anderen Weise vorgestellt.
 
VII. Selbstständigkeit der akademischen Qualifikation
Ghostwriting ist zwar ein altes Geschäft, schon antike Redner sollen sich von talentierten Schreibern Vortragstexte als Auftragsarbeiten verfassen haben lassen, was aber die Praxis das akademischen Ghostwritings nicht ehrbarer macht. Wer Ghostwriting-Dienstleistung für den akademischen Bereich anbietet oder in Anspruch nimmt, bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Jeder universitäre schriftliche Leistungs- beziehungsweise Qualifikationsnachweis beinhaltet eine sogenannte Eidesstattliche Erklärung beziehungsweise eine Versicherung an Eides statt, in der vom Einreichenden der akademischen Arbeit bezeugt wird, dass er die zur Korrektur und Bewertung dargetane Arbeit selbstständig, ohne fremde Hilfe und lediglich mit den im Literatur- und Quellenverzeichnis gelisteten Ressourcen verfasst hat. Wer diese Selbstständigkeit versichert, ohne den Leistungsnachweis selbst verfasst zu haben, macht sich einer Täuschung schuldig. – Die Versicherung an Eides statt soll nicht zu Letzt die wissenschaftliche Integrität der Absolventen gewährleisten.
 
VIII. Taschenspielertricks der Ghostwriting-Anbieter
Den Ghostwriting-Agenturen ist dieser Umstand natürlich nicht unbekannt, weswegen die Dienstleister es vermeiden, davon zu sprechen, dass sie abgabefertige Studien- und Qualifikationsarbeiten verfassen. Eigentlich alle aktiven Anbieter versuchen durch Taschenspielertricks die geltende Gesetzeslage auszuhebeln. – So nennen sie ihre Dienstleistung nicht etwa „Masterarbeit schreiben lassen“, sondern „Vorlage für die Masterarbeit schreiben lassen“. Außerdem weisen die Agenturen im Kleingedruckten des Vertrages, der für jeden Ghostwriting-Auftrag zwischen Anbieter und Auftraggeber geschlossen wird, darauf hin, dass eine nicht eigenständige verfasste Arbeit nicht als solche an der Universität eingereicht werden darf. Viele der Dienstleister verstehen ihr Angebot darüber hinaus oftmals nicht als klassisches Ghostwriting, sondern vielmehr als Coaching oder Hilfestellung. Die Kniffe der Agenturen sind offensichtlich und wollen die eigentliche Illegalität der Ghostwriting-Praxis lediglich verschleiern.
 
IX. Opportunismus und Naivität der Dienstleister
Fraglich muss bei dieser Arbeitsweise allerdings schon bleiben, ob man sich der Mittäterschaft einfach dadurch entledigen kann, wenn man die eigentliche Dienstleistung hinter einem konstruierten Coaching- und Vorlagensystem verbirgt. – Soll doch das Begriffskonstrukt „Vorlage“ suggerieren, dass der Auftraggeber zwar eine Ressource zur Verfügung gestellt bekommt, diese dabei aber so rudimentär und grundlegend ist, dass er durch die Aufarbeitung des Materials noch genügend eigenständige Leistung einbringen muss, um aus dieser Vorlage eine abgabefertige Qualifikationsarbeit zu erstellen. Abgesehen davon, ist zu bezweifeln, ob die Bereitschaft der Auftraggeber derart groß ist, beispielsweise für eine Vorlage zu einer Masterarbeit 7.000 Euro und auch mehr zu bezahlen, um dann allerdings selbst den größten Teil der Arbeit erledigen zu müssen.